|
Abseits lag Wendorf eigentlich schon immer. Ein kleiner Ort mit wenigen Höfen zwischen Ankershagen und Möllenhagen, nur ganz selten berührt von der großen Weltgeschichte, aber dafür reichlich bedacht von eigener Historie. Gemütlich war es dort eigentlich ganz selten, jedenfalls wenn man der alten Dorfchronik Glauben schenken darf. „Schloss Wendorf“ wurde im 19. Jahrhundert von der Familie Carl Friedrich von Bülow erbaut. Im Jahr 1835 erwirbt Ludwig Wilhelm von Bülow für 65.500 Taler Gold das Gut Wendorf / Freidorf. Zehn Jahre später besteht Wendorf aus 17 Häusern mit 153 Einwohnern, darunter Karl Friedrich Theodor von Bülow, der Erbauer von Schloss Wendorf. Das Gutshaus blickt auf eine bewegte Geschichte zurück: Nachdem ein Großbrand ,am 6. Mai 1881, das Dorf nahezu völlig zerstörte, wurde das Herrenhaus 1880/81 zeitgemäß im Tudor-Stil neu errichtet. Auch der Park wird im Stil englischer Landschaftsgärten großzügig gestaltet und mit einer Kastanienallee versehen. Gutsbesitzer und Gutspächter wechselten bis Anfang des 20. Jahrhunderts häufig: Die eher kargen Bodenverhältnisse werden dazu beigetragen haben. Schloss um 1930
Eine ertragreiche Landwirtschaft fiel auch denen schwer, die 1931 mit der Aufsiedelung des Ortes hinzukamen: Bauern aus dem ganzen Deutschen Reich. Nicht zur Aufsiedelung gelangen das Herrenhaus und sein Park. Der Kreis Waren erwirbt es 1940, um mit dem Reichsarbeitsdienst einen Vertrag abzuschließen, der den Einsatz des weiblichen Arbeitsdienstes für die Siedler in Wendorf und Umgebung ermöglicht. Für jeweils sechs Monate wird das Gutshaus nun zum Wohnort für junge Frauen aus allen Teilen Deutschlands. Später während des Krieges wird das Haus als Lazarett genutzt, und in den Nachkriegswirren fanden 75 Flüchtlinge aus den Ostgebieten im Gutshaus Aufnahme. Bis zum Jahr 1985 diente „Schloss Wendorf“ als Wohnhaus und Kulturstätte. Dann stand es einige Zeit leer. 1991 erwarb die Gefährdetenhilfe Waren gGmbH das dann erheblich beschädigte Gebäude und rekonstruierte es nach historischen Plänen und Fotografien. Im Mai 1994 wurde das neu errichtete Gutshaus „Schloss Wendorf“ eingeweiht
Zu Hause sind in dem von einem wunderschönen Park umgebenen Gebäude jetzt die Mitarbeiter der Gefährdetenhilfe Waren GmbH mit ihren Schützlingen - junge Leute, in der Regel zwischen 17 und 26 Jahren, die sich in zwei Wohngemeinschaften einen Platz im Leben suchen. Sie hatten Probleme mit Drogen oder Alkohol, aber auch mit dem Gesetz, einige waren in Gefängnissen, andere kamen mit dem Leben überhaupt nicht zurecht - Leute im gesellschaftlichen Abseits eben, denen Dank Schloss Wendorf wieder eine Chance gegeben werden soll. Das, was anderen völlig normal erscheint, müssen die jungen Schlossbewohner erst einmal erfahren: Familienleben etwa oder auch das Durchhalten eines achtstündigen Arbeitstages. Die Gefährdetenhilfe unterstützt bei Behördengängen oder auch bei der Ausbildung. Im gelben Schloss werden Tagungsräume vermietet, aber auch Ferienwohnungen - darum kümmern sich diejenigen der WG-Bewohner, die eine Hauswirtschaftslehre bewältigen. Andere erschließen sich den Elektrobereich oder die Landschaftsgestaltung. Drei bis sechs Jahre sind die WG-Bewohner im Durchschnitt im Wendorfer Schloss beheimatet. Innen sind die Tagungs- und Aufenthaltsräume liebevoll gestaltet, die Ferienwohnungen hell eingerichtet, und die Aufgänge ziehen viel Licht ins Haus. Keine schweren Holzdecken oder dicken Kamine, keine alten Kacheln, keine riesigen Kronleuchter oder uralte Gemälde. Alles sieht aus und riecht wie in einem Neubau - Schloss ist das Gebäude nur von außen.
|